Der FRW präsentiert Ringen in Weilimdorf

03.09.2026

Bundesliga? Ganz Weilimdorf fiebert

An diesem Samstag ist es so weit: Für die Ringer der SG Weilimdorf beginnt ihr bislang größtes Abenteuer. Unter den vier Zugängen ragt ein Junioren-Vizeweltmeister heraus. Was sich der Aufsteiger trotz Exotenstatus für seine zwölf Kämpfe vorgenommen hat.

Von Franz Stettmer

Stuttgart: Liebe Ordnungshüterinnern und Ordnungshüter der Stadt, nun bitte mal kurz weghören. Oder aber beide Augen zudrücken, wenn es um die ersten Zeilen dieses Artikels geht. Denn sie beschäftigen sich mit einer heiklen Frage: Wie viele Zuschauer kriegt man in eine Sporthalle, ohne dass deren Nähte platzen respektive das Dach von der Hütte fliegt?

Die Probe aufs Exempel könnte an diesem Samstagabend folgen. Lindenbachhalle in Weilimdorf, 19.30 Uhr. In der Vergangenheit war dort schon Ringerhexenkessel, wenn 300 kamen. Platzangst durfte von den Anwesenden dabei besser keiner haben. Dieses Mal? „Kann schon sein, dass es 500 oder 600 werden“, sagt Markus Laible und lacht.

Besondere Ereignisse, besonderen Rahmen. Und was könnte für die Mattensportler der SG Weilimdorf noch an sportlich Tollerem kommen als in dieser Mannschaftssaison? Die Nord-Stuttgarter in der Bundesliga! Ja, es ist Realität. Auch wenn sich bei dem Thema wohl manch einer im und um den Verein noch immer kneifen muss, um sich zu vergewissern, nicht bloß in einem Traum unterwegs zu sein.

Nun steht der Auftakt an, passend zur Premiere mit einem Heimkampf. Zu Gast ist der letztjährige Tabellenletzte der zweiten Liga Süd, der Saarland-Club KV Riegelsberg – und ganz Weilimdorf fiebert. „Wir freuen uns brutal“, sagt der sportliche Leiter Laible. Betonung auf „wir“. Inzwischen also auch er und die anderen Abteilungsverantwortlichen, nachdem anfängliche Magengrimmen ausgestanden sind. Im Januar, nach dem Gewinn des Regionalliga-Meistertitels, hatten Laible und die Seinen sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, den großen Schritt tatsächlich zu wagen. Stichwort höhere Kosten. Stichwort drohende strukturelle und sportliche Überforderung. Am Ende aber gewichteten die Macher das Votum der Mannschaft mehr als eigene Bedenken. Es obsiegte die Abenteuerlust. Die vielleicht einmalige Chance wollte dem Team keiner nehmen.

Und eben dieses Aufstiegsteam bildet nun auch weiterhin den Stamm. Gegangen ist vom Vorjahresaufgebot kein Einziger. „Den Leuten, die den Erfolg errungen haben, zu sagen: gut gemacht, aber jetzt ersetzen wir euch durch ausländische Einkäufe, geht ja nicht“, sagt Laible, „das wäre nicht unsere Philosophie“. Stattdessen bleibt es beim Weg mit den „Weilimdorfer Jungs“. Neun Mann im 19er-Kader sind Eigengewächse beziehungsweise aus der nahen Umgebung. Gleichwohl diese Marschroute mit erwarteter Sicherheit an Grenzen der Konkurrenzfähigkeit stoßen lassen wird. Und obschon die SG Weilimdorf in der neu formierten nationalen Beletage damit Exotenstatus hat.

Auf der Meldeliste sind seit diesem Jahr jeweils acht Ringer mit Ausländerlizenz erlaubt. Es ist ein Quantum, das nicht wenige Konkurrenten ausschöpfen. An der Solitudestraße begnügt man sich dagegen mit deren drei. Seinen beiden ungarischen Topscorern traut Laible unverändert Siege zu. Einem Csaba Vida sowieso. Aber auch dem Youngster Karoly Barath, um den sich kurzfristig eine überraschende Wende ergeben hat. Nachdem dessen Studium in den USA geplatzt ist, stand der 19-Jährige plötzlich doch wieder in Weilimdorf vor der Tür. Willkommen zurück. „Schade für den Jungen, gut für uns“, sagt Laible.

Hinzu kommt als dritter Kontingentakteur der namhafteste unter insgesamt vier Neuzugängen. Azamat Khosonov (26), gebürtiger Russe mit griechischem Pass, vormaliger U-23-Vizeweltmeister, wird jedoch erst für die Rückrunde eine Einsatzoption sein. Dann wird im Schwergewicht auf seine Stilart Freistil umgestellt.

Nicht geklappt hat indes jenes Kadertopping, das manch einem als das naheliegendste erschienen sein mag. Lucas Lazogianis, berühmtester Spross der SG Weilimdorf, Deutschlands derzeit mit größtes Ringer-Aushängeschild – er als Heimkehrer im Bundesliga-Trikot seines Heimatvereins? Ja, das hätte für beide Seiten Charme gehabt. Doch fehlte dem Umworbenen die nachhaltige Perspektive. „Dafür hätten unsere Bundesliga-Pläne dauerhafter und härter sein müssen“, weiß Laible und ahnt darüber hinaus, ohne jedes Schnippische: „Der Junge muss mit Ringen ja auch Geld verdienen. Das geht beim FC Bayern München natürlich besser als bei Holstein Kiel.“

Die Bayern heißen in diesem Fall Schorndorf. Und um die Kieler Weilimdorfer ergibt sich nun eine zweite Frage, nebst jener um den etwaigen inoffiziellen Lindenbachhallen-Rekord: Machen es die Nord-Stuttgarter wiederum dennoch besser als die Nord-Holsteiner, trotz vergleichbar bescheidender Ausgangssituation? Für die Letztgenannten war ihr Erlebnis Fußball-Bundesliga dann nach nur einem Jahr wieder vorbei. Und bei den Weilimdorfern?

Bei denen gibt sich Laible auch unter einem um rund 15 000 Euro aufgestockten Etat keinen Illusionen hin: „Fast jeder unserer Gegner ist ein anderes Kaliber als wir. Es wird sehr schwer werden, überhaupt einen Mannschaftskampf zu gewinnen.“

Sich möglichst „teuer verkaufen“, „jede Woche alles geben“ – so lautet die Vorgabe, zu was auch immer das am Ende tabellarisch reichen wird. „Dann“, ist Laible überzeugt, „werden die Fans auch Ungewohntes verzeihen.“ Nämlich Niederlagen.

Dass die Stimmung auf Strecke kippen könnte, von der Aufstiegslust zum Alltagsfrust, wenn man vielleicht in zwölf Kämpfen zwölfmal auf die Mütze kriegt – denkbar, ja. Dass jedoch das Gesamtprojekt „Ringen in Weilimdorf“ dabei Schaden nimmt, ist aus Laibles Sicht ausgeschlossen. „Dafür“, weiß er, „ist das hier zu stabil aufgestellt“.

Neben der Matte. Auf der Matte. Und beim treuen Publikum. Für die diesmal zusätzlichen Tribünenteile, Grüße auch an Ordnungshüter und Ordnungshüterinnen, hat der Verein selbstverständlich eine Genehmigung eingeholt.

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